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Elephant

ElephantUSA 2oo3
Regie: Gus van Sant


Sieht man einem Menschen, der √ľber die Strasse geht, an, ob er schwul ist oder nicht. Sagen √§ussere Merkmale etwas √ľber das Innere aus? K√∂nnen wir wissen, was ein Mensch denkt? Die Frage, die die Hetero-Homo-Begegnungsgruppe in Gus van Sants Film Elephant diskutiert, bildet in leicht abgewandelter Weise das Leitmotiv, die Grundfrage des Films: Konnte man den beiden Sch√ľlern, die an der Highschool von Columbine ein Massaker anrichteten, ansehen, was sie vorhatten?

Van Sant wagt sich in seinem neuen Film an ein √ľberaus schwieriges, vielleicht unm√∂gliches Thema, er versucht, einen Film √ľber einen Vorfall zu machen, dessen vollkommene Sinnlosigkeit nur Sprachlosigkeit hervorruft.

Elephant begleitet eine handvoll Sch√ľler am Tag des Massakers. In langen Fahrten folgt die Kamera den Protagonisten durch die endlosen Schulhausg√§nge, dokumentiert den Schulalltag. Oft sind die Figuren nur von hinten zu sehen, frontale Grossaufnahmen sind selten. Van Sant untergr√§bt damit jeden Versuch der Psychologisierung. Wir dringen nicht in das Innere der jungen Menschen vor, sie bleiben uns weitgehend fremd. Wir erfahren nicht, warum sich Michelle standhaft weigert, im Turnunterricht Shorts anzuziehen, oder warum ein anderer Sch√ľler im Unterricht mit Rasierschaum beworfen wird. Das ist ebenso Teil der schulischen Routine wie der Photographie-Club oder das Bulimietr√ľppchen, das sich nach jeder Mahlzeit in fast ritueller Weise auf die Toilette begibt, um sich dort zu √ľbergeben.

Und dann sind da die beiden Jungen, die beschlossen haben, Amok zu laufen. Sie sehen auch nicht gross anders als ihre Kameraden, weder besonders ungl√ľcklich noch verr√ľckt. Pl√∂tzlich stehen sie, bis an die Z√§hne bewaffnet, im Schulhausflur und schiessen jeden nieder, der ihnen √ľber den Weg l√§uft. Der kurze Moment, wenn die beiden in voller Kampfmontur im Gang stehen und beschliessen loszulegen, geh√∂rt zu den eindr√ľcklichsten im ganzen Film. Im Vordergrund die beiden kampfbereiten Teenager, im Hintergrund die Silhouetten anderer Sch√ľler, die vorbeihasten und nicht sehen, was sich hier anbahnt. Ein groteskes Bild, das schmerzhaft vorf√ľhrt, wie fragil unsere Sicherheit ist, wie wenig es braucht, um die Gesellschaftsordnung komplett umzuwerfen, und wie machtlos wir gegen eine solche Tat sind.

Elephant Szenenbilder

Elephant will nicht erkl√§ren; der Film weigert sich standhaft, Wege aus der Ratlosigkeit aufzuzeigen. Das ist konsequent und dem Regisseur hoch anzurechnen, vollends √ľberzeugen kann das Konzept aber nicht; nicht zuletzt, weil am Ende doch immer wieder Erkl√§rungssplitter in den Film eingestreut sind. So darf das obligate gewaltt√§tige Computerspiel nicht fehlen, und damit jedem klar wird, worum es hier geht, wird sp√§ter beim Amoklauf kurz eine Einstellung zu sehen sein, die aussieht wie direkt aus dem Spiel. Das ist plump und zeigt vor allem, dass van Sant keine Ahnung von Computerspielen hat. Nat√ľrlich begeht der Film nicht den Fehler, hier einen eindeutigen Grund f√ľr den Amoklauf festzumachen, die Szene ist nur eine kleine Facette. Warum muss aber ausgerechnet ein Dokumentarfilm √ľber Hitler am Fernsehen laufen, als die beiden Jungs das frisch gekaufte Gewehr auspacken, und warum muss es direkt vor der Bluttat noch zu einer homoerotischen Episode kommen?

Sind diese Einsprengsel Teil eines Erkl√§rungsversuchs, oder f√ľhrt van Sant die Klischees bewusst vor, um zu zeigen, wie wenig sie zur Erkl√§rung der Trag√∂die taugen? Die Absicht bleibt unklar, und entsprechend auch der Grundtenor des Films. Ist das Massaker ein unerkl√§rlicher Ausbruch der Irrationalit√§t, unvorhersehbar und nicht zu verhindern, ein Einbruch des B√∂sen in unsere Welt, dem wir letztlich nichts entgegenzusetzen haben. Oder ist er die logische Folge einer gef√ľhlskalten Gesellschaft; Metaphysik oder soziales Problem? Falls letzteres van Sants Absicht war, ist er gescheitert, denn der Schulalltag ist nur f√ľr denjenigen schockierend, der schon lange nicht mehr die Schulbank gedr√ľckt hat. Die Monotonie und die hundert kleinen Grausamkeiten, deren Zeuge wir sind, unterscheiden sich nicht gross vom Schulalltag vor zehn oder vor f√ľnfzig Jahren.

Vielleicht wirkt ein Vergleich mit Michael Hanekes 71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls erhellend: Wie van Sant geht auch Haneke von einem realen Ereignis aus und zeigt, wie es dazu kam, dass ein Student im weihnachtlichen Wien in einer Bank Amok lief. Auch Haneke folgt einer Vielzahl von Figuren, und auch er weigert sich, zu psychologisieren oder einfache Erkl√§rungen zu konstruieren. Sein Wien ist aber so gef√ľhlskalt und emotionslos, die Figuren derart isoliert und kommunikationsunf√§hig, dass die Bluttat nicht nur nachvollziehbar wird, sondern wie eine eigentliche Befreiung wirkt. Wenn wir auch rational nicht erkl√§ren k√∂nnen, was hier genau geschehen ist, k√∂nnen wir es doch nachf√ľhlen. Am Ende von Elephant herrscht dagegen nur Ratlosigkeit, wir sind so schlau wie zu Beginn. Das ist angesichts der realen Trag√∂die sicher nicht die verkehrteste Reaktion, aber f√ľr einen Film doch ein bisschen zu wenig. Um ratlos zu sein, reicht es, tagt√§glich die Zeitung zu √∂ffnen.



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hinzugefŁgt: November 17th 2003
Autor: Simon Spiegel
Punkte:
zugehŲriger Link: Internet Movie Database (IMDb)
Hits: 14375
Sprache: deu

  

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